Home » Features » DIE ZEIT goes iPad. Die digitale Wochenzeitung der Zukunft

Vertraut und zugleich ein neues Leseerlebnis – seit dem 14. September 2011 erscheint DIE ZEIT auch auf dem iPad. Die App kostet im Apple iTunes-Store 3,99 Euro pro Ausgabe und enthält alle Artikel aus ZEIT, ZEITmagazin und den redaktionellen Beilagen. Dazu kommen Audiotexte, Fotogalerien, interaktive Spiele und eigens produzierte Videos.

DIE ZEIT ist eine der grössten deutschen Wochenzeitungen, die seit 1946 erscheint und durch ihren unabhängigen Qualitätsjournalismus in Deutschland eine feste Größe ist. Die Auflage der gedruckten Zeitung beträgt 500.000. Trotz ihrer Tradition und Seriosität ist sie den modernen Technologien gegenüber aufgeschlossen. Deshalb hat sich der dazugehörige Verlag (Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck) im vergangenen Jahr entschieden, sich mit dem neuen Medium auseinanderzusetzen. Zuerst wurde für das iPhone und für das iPad eine PDF-basierte App entwickelt, die aber den Verlegern nicht ausreichend erschien. Auch innerhalb der Redaktion wurde diskutiert, ob es nicht reizvoll wäre, eine eigenständige App zu entwickeln: "Eine so großformatige Zeitung wie DIE ZEIT als PDF auf dem iPad anzuschauen, macht schwindelig. Ständig muss man in die Originalseite rein- bzw. rauszoomen, um etwas lesen zu können. Eine 1:1-Übertragung der Zeitungsseite auf das Tabloid ist so nicht möglich", sagt Haika Hinze , die als verantwortliche Art Direktorin der gedruckten ZEIT auch an der Entwicklung der iPad App beteiligt war.

Das Entwicklungsteam, dass sich ab dem Herbst 2010 mit der Erstellung einer nativen App befasste, musste sich genau mit diesem Problem auseinandersetzen: "Wie bekomme ich ein wöchentliches individuelles Gesamtkunstwerk wie die ZEIT und das ZEITmagazin in das wesentlich kleinere Format des iPads gepresst, ohne Abstriche beim Leseerlebnis zu akzeptieren?", war die entscheidende Frage, wie sich Enrique Tarragona , Produktmanager der ZEIT noch gut erinnert. Die Bremer Agentur "Art und Weise" hat die gesamte Entwicklung begleitet, hat sowohl beim inhaltlichen als auch beim optischen Konzept geholfen und war auch für die technische Umsetzung verantwortlich. Für sie bestand die Herausforderung, eine gute Entsprechung für das "alte" Medium Zeitung zu finden und trotzdem nicht die Möglichkeiten und Eigenschaften des Tabloids zu verschleiern. "Das Lesen einer Zeitung ist überhaupt kein technischer Akt. Wir haben versucht, genau dieses Gefühl auf die App zu übertragen", so der Art und Weise-Geschäftsführer Dirk Beckmann .

Somit ist das klassische Zeitungsrascheln verschwunden, dafür wird jetzt "geswiped". 130 Artikel sind im Schnitt in der Zeitung, die nun auf dem App hintereinander aufgehängt sind – wie auf einer Wäscheleine. Geblieben ist aber die klassische Struktur der Zeitung. Nach der  Titelseite geht es durch die einzelnen Ressorts. Für jeden Artikel gibt es eine aufwändig gestaltete Aufmachung und darunter, wenn man die Seite nach unten zieht, kommt der Text. Die App verfügt über eine klare Navigation, die es dem Leser leicht macht, sich durch das Gesamtangebot zu bewegen. Gleich nach dem Titel erfolgt eine vollständige Inhaltsseite, wo der Leser sich einen Überblick über alle Themen der Ausgabe verschaffen kann. Jedes Thema wird hier zusätzlich durch einen kleinen Text vorgestellt. Außerdem ist an jeder Textankündigung ein Symbol angebracht, das gibt dem Leser die Möglichkeit Texte zu markieren und separat abzulegen. Diese ausgesuchten Texte werden dann in einem besonderen Template namens "Meine ZEIT" zusammengestellt.  "Diese Funktion Meine ZEIT macht es möglich, die Artikel, die den Leser am meisten interessieren, in einer Art Schatzkiste zu sammeln", so der Chefredakteur Giovanni di Lorenzo .

Aber auch für die Leser, die lieber durch eine Ausgabe hindurchwandern, ist die digitale Form ein Genuss. Von Swipe zu Swipe kommt eine schöne Aufmachung nach der anderen. Das ZEIT-typische Design ist noch erkennbar und doch wirkt das Design jünger und frischer.  "Die App bringt das vertraute Bild der Zeitung zum Leuchten", so Giovanni di Lorenzo . Jeder Artikel bekommt also ein neues Layout, das natürlich an das der Printausgabe erinnert. Und doch muss, verursacht durch das andere Format, alles neu arrangiert und gestaltet werden. Überschriften, Unterzeilen und die Bildmotive werden neu angeordnet. Die Schriften entsprechen denen der Printausgabe, aber sie werden viel spielerischer eingesetzt: Überschriften werden eingefärbt, schräggestellt oder wild angeordnet. Auch die Fotos und Illustrationen werden aus der Printausgabe übernommen, aber sie haben auf dem Pad eine viel größere Brillanz. Außerdem können in den Bildergalerien viel mehr Motive gezeigt werden. "Es gibt für uns Designer auf einmal unendlich viele gestalterische Möglichkeiten. Die Stimmungen der Artikel lassen sich viel treffender wiedergeben. Das Layout fängt förmlich an zu sprechen und das Tollste ist, wir haben eine Ausgabe ohne Grenzen. Nicht das Papier schreibt uns vor, wann die Zeitung zu Ende ist, sondern unsere Kreativität", schwärmt Haika Hinze .

Das iPad App-Produktionsteam der ZEIT
Von links: Judith Scholter, Sabine Lang, Christof Siemes, Haika Hinze, Philipp Schultz, Dennis Sand,
Lydia Sperber, Alexandra Schulz (Foto: Vera Tammen)


Unter der Leitung von Christof Siemes und Jürgen von Rutenberg übertragen kleine Redaktionsteams DIE ZEIT und das Magazin nach Abschluss der Printausgabe in kürzester Zeit auf das neue Medium. Dabei hat das Hauptblatt für die ca. 130 Artikel nur einen Tag Zeit. "Das Faszinierende ist, dass wir die gesamte Ausgabe, die ja für die Printausgabe in 4 Tagen entsteht, dann an einem Tag umbauen müssen. Dieser enorme Zeitdruck animiert uns! Wir sind für die App drei Designer und zwei Bildredakteure, also ein kleines Team. Die Eile und das Format des iPads macht uns nach der Arbeit an der großformatigen Zeitung immer unglaublich kreativ", erläutert Haika Hinze .

Das ZEITmagazin wiederum hat ein wenig mehr Zeit. "Bei uns", so Jürgen von Rutenberg "ist mehr Freestyle möglich. So haben wir regelmäßig eine interaktive Deutschlandkarte, aber auch für einzelne Geschichten denken wir uns kleine interaktive Extras aus. Auch startet jede Magazin-Ausgabe mit einem kurzen Musikvideo, das wir hier in der Redaktion jede Woche produzieren und das die geballte Optik einer Ausgabe im Schnelldurchlauf zeigt."

Somit zeigt DIE ZEIT, dass sie in der Diskussion um die Zukunft der Zeitung einen machbaren und zugleich kreativen Weg gefunden hat. Iris Mainka , Chefin vom Dienst und Koordinatorin des iPad-Projekts ist sich sicher, dass auch die Zeitung nur dann Überlebenschancen hat, wenn die Verlage mit den wandelnden Lebens- und Lesegewohnheiten des Publikums Schritt halten. "Das heißt, wenn sich alte Gewohnheiten auflösen und die Menschen nicht mehr um Punkt halb Acht zu Zeitung und Morgenkaffee greifen, sondern viel flexibler und mobiler sind als früher, dann muss sich auch eine Zeitung Gedanken machen über die Vervielfältigung ihrer Erscheinungsform und - sozusagen - zu einer multiplen Persönlichkeit werden: Die Papier-ZEIT zum konzentrierten Lesen am Tisch zuhause, und die ZEIT auf dem iPad zum Lesen unterwegs.  Guter Journalismus ist nicht abhängig von der Erscheinungsform. Er funktioniert in vielerlei Gestalt und in unterschiedlichen Gefäßen."

Stefan Knapp

Website: http://www.zeit.de