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Das SND/DACH-Jahrestreffen 2008 in Potsdam

Der News Designer der Zukunft - Qualitätsanspruch und Qualifikation

Fachliche Weiterbildung auf hohem Niveau wie auch geselliger Austausch
unter Kollegen waren ein guter Grund, am 26. Oktober dieses Jahres
nach Potsdam zu reisen. Die Tagungs-Teilnehmer aus dem nahen Berlin,
wie auch aus Wien und Basel, dem Saarland, dem Allgäu, aus Hamburg,
Frankfurt am Main, Mannheim, Mainz und Ulm erlebten ein vielseitiges
Programm von kompetenten Referenten aus allen Sparten des News Design.
Sie feierten gebührend die Gewinner des dpa-infografik-award 2008 und
waren die ersten Besucher der aktuellen Ausstellung "The World's Best
Designed Newspapers" in der Fachhochschule Potsdam.


Medium zwischen Metropole und Märkischer Provinz



Ein Heimspiel hat Chefredakteur Dr. Klaus Rost von der Märkischen
Allgemeinen. Er erläutert die redaktionellen und kaufmännischen
Herausforderungen einer Regionalzeitung, deren Vertriebsgebiet im Land
Brandenburg mit 16 Lokalausgaben vom "Speckgürtel" um die
Bundeshauptstadt bis in die dünn besiedelte Prignitz reicht.


Frische Bilder im Lokalen

Ein Fussballspieler liegt in einer Pfütze, der Matsch spritzt hoch.
"Zu dem Kreisligaspiel bin ich nur hingegangen, weil es vorher vier
Tage geregnet hatte", sagt Julian Stratenschulte, 22-jähriger
Bildjournalist und frischgebackener Absolvent der FH Dortmund.
Ergebnis: Ein originelles Aufmacherfoto auf der Lokalsportseite  der
Westfälischen Rundschau. Ein Blitz am Himmel über Arnsberg. Das
hochformatige Foto, über die DPA bundesweit verbreitet, druckte die
BILD-Zeitung über eine volle Seite.
Stratenschulte zeigt die große Welt in seiner kleinen sauerländischen
Heimatstadt. Den Brand einer Gartenlaube, Wetter und Unwetter,
Osterfeuer und Schützenfest, immer ist er ganz nah dran, mit Blick auf
das Detail, das davor und das dahinter. Von lokalen Sportereignissen
berichtet er mit einer Bildsprache, wie wir sie von Olympischen
Spielen kennen.
Beispiele gedruckter Zeitungsseiten zeigen, wie gute Fotografie auch
den Lokalteil einer Zeitung erheblich aufwerten kann. Doch Julian
Stratenschulte verschweigt auch nicht den wirtschaftlichen Aspekt. In
den Lokalredaktionen deutscher Tageszeitungen liegen die Fotohonorare
üblicherweise im unteren zweistelligen Eurobereich. Auf Dauer ließe
sich der zeitliche und technischen Aufwand seiner Fotos so nicht
finanzieren.


Neue Filmsprache



Die Zukunft des Journalismus liegt im bewegten Bild, jedem
Zeitungsverleger sein TV-Angebot im Internet. Ob kurzlebiger Hype oder
ein tragfähiges Geschäftsmodell, das ist noch nicht entschieden.
Ulrich Crüwell bezeichnet sich selbst als Video-Journalist. In einem
gemeinsamen Pilotprojekt der Deutschen Telekom und der Märkischen
Allgemeinen durfte er "MAZ-Video" produzieren. Die in der
traditionellen TV-Produktion arbeitsteiligen Aufgaben Redakteur,
Kameramann, Cutter und Producer vereinigte er in seiner Person. Er
sieht darin keinen Nachteil, sondern die Chance für eine besonders
authentische Filmsprache. Die gezeigten Beispiele aus der
brandenburgischen Provinz dokumentieren seinen Anspruch. "MAZ-Video"
kam allerdings über die einjährige Pilotphase nicht hinaus. Eine
Refinanzierung des Angebots über Werbung konnte nicht erreicht werden.


Lesen und Lesen lassen

"Crossmedia" - wie werden welche Medien künftig genutzt? Und welche
Konsequenzen hat das für die Arbeit des Journalisten? Zu dieser
Fragestellung präsentiert Prof. Dr. Michael Haller Ergebnisse eines
Forschungsprojekts der Universität Leipzig. Einige Kernthesen: Print,
TV und Internet werden auch künftig parallel und ergänzend rezipiert.
Während TV oder Webvideo vornehmlich der passiven Unterhaltung dienen,
werden Wissens- und Bildungsinhalte weiterhin auf bedrucktem Papier
vermittelt. Das Web hat seine Stärken in der sozialen Interaktion
(Communities), der Aktualität und der unbegrenzten Kapazität
("Weltwissen"). Auch das Bedürfnis, selbst aktiv Inhalte zu verbreiten
(Partizipation), läßt sich am einfachsten und billigsten im Internet
verwirklichen. Ein ungelöstes Problem für werbefinanzierte
redaktionelle Angebote stellen die zersplitterten Interessengruppen
dar. Der technisch realisierte Weg der personalisierten Werbeansprache
wird mit der Preisgabe persönlicher Daten und einem empfundenen
Verlust der Privatheit erkauft. Er stößt deshalb nur auf begrenzte
Akzeptanz.
Für professionelle Medienschaffende, die eine zusätzliche
Qualifikation erwerben möchten,  bietet die Universität Leipzig
berufsbegleitende Fortbildungsmöglichkeiten, das Masterprogramm Medien
Leipzig (MML). Gelehrt werden Medientheorie, technische Kenntnisse und
Gestaltung für die speziellen Anforderungen der unterschiedlichen
Vermittlungskanäle.  Voraussetzung zur Teilnahme an diesem
viersemestrigen Studiengang ist ein Hochschulabschluss (Diplom,
Magister oder Bachelor), Abschluss ist der Titel Master of Science.


Neue Fonts für die globale Kommunikation

Bernhard Hofmacher von der Linotype AG erläutert die technischen
Vorteile des Schriftformats "Open Type". So lassen sich hier über
65.000 Zeichen in einem Font unterbringen gegenüber den 256 in den
traditionellen Formaten PostScript und TrueType. Mehrere Schnitte
einer Schrift, wie normal, kursiv, fett, und Kapitälchen sind deshalb
jetzt oft in einem einzelnen Font zusammengefasst. Auch
sprachspezifische Sonderzeichen, kyrillische oder griechische Lettern
erfordern keinen zusätzlichen Font.
Doch noch nicht alle Anwenderprogramme unterstützen alle neuen
Features des Formats OpenType. Während die Adobe Creative Suite und
Quark 7 spezielle Menüs für die gestalterischen Optionen bieten, ist
die aktuelle Office-Familie von Microsoft vor allem für die
mehrsprachige Kommunikation ausgelegt.


Neue Schriften für "alte" Zeitungen

Die Qualität im Zeitungsdruck ist heutzutage so hoch, dass selbst
Schriften in den Traditionen der Garamond oder der Bodoni bei guter
Lesbarkeit als Textschriften genutzt werden können. Speziell
zugerichtete "robuste" Schriftschnitte sind nach den Erfahrungen des
belgischen Typografen Fred Smeijers nicht mehr erforderlich.
Dafür richtet sich das Augenmerk der Zeitungsspezialisten unter den
Typedesignern auf markante Headlineschriften. Smeijers zeigt den
kompakten Display-Font "Arnheim-FD", den er aus zwei Schnitten seiner
ursprünglichen "Arnheim" entwickelt hat. Verwendung findet er in der
niederländischen Wirtschaftszeitung "Het financieele Dagblad", die der
britische Designer Mark Porter kürzlich radikal neu gestaltet hat.
Auch andere niederländische Traditionszeitungen wie "Trouw", "de
Volkskrant" und "NRC Handelsblad" haben in den letzten Jahren ihr
typografisches Erscheinungsbild erheblich modernisiert.


Ausgezeichnete Newsdesigner

Einen Höhepunkt in Potsdam bildet die Verleihung des "dpa-infografik-
award" durch DPA-Chefredakteur Dr. Wilm Herlyn (links im Foto).
Ausgezeichnet werden die Sieger im ersten Wettbewerb für tagesaktuelle Infografiken im
deutschsprachigen Raum. Mit Michael Adams und Joseph Dreier hatten
zwei sachkundige SND/DACH-Repräsentanten in der fünfköpfigen Jury
gesessen. DPA-Chefgrafiker Raimar Heber (Zweiter von rechts) würdigt als Preisträger das
Team um Jan Schwochow von Golden Section Graphics, Jan Bökelmann von
der dpa-infografik und Jakub Chrobok vom Designbüro KircherBurkhardt.


Nicht nur bunt und schnell, sondern vor allem richtig

Infografiker machen Fehler. Das ist besonders peinlich, wenn sie in
hoher Auflage gedruckt werden. Jan Schwochow plaudert da auch aus dem
eigenen Nähkästchen. Wie lassen sich Fehler vermeiden, was sind
zuverlässige Quellen? Zeitmangel oder Bequemlichkeit führen häufig
dazu, dass vorhandene Grafiken einfach abgekupfert werden. Fehler
werden multipliziert.
"Traue keiner Infografik, die Du nicht selbst verbrochen hast", lautet
ein Credo von Jan Schwochow. Selbst "offizielle" Darstellungen der
Sportstätten auf der Webseite des chinesischen Olympischen Komitees
erwiesen sich als fehlerhaft. Erst aktuelle Satellitenaufnahmen bei
Google Earth und Originalpläne der Stadionarchitekten lieferten die
korrekten Vorlagen.
Videos sind authentisch, doch nicht immer einfach zu interpretieren.
Vom Einschlag des zweiten Flugzeugs ins World Trade Center am 11.
September 2001 gab es Fernsehaufnahmen der CNN. Ein Vergleich
dutzender Infografiken zu dem Ereignis liefert trotzdem
unterschiedliche Flugbahnen aus drei Himmelsrichtungen.

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Auch darüber, wo im russischen Beslan die besetzte Schule lag, waren
die Infografiker uneins. Ganz zu Schweigen von der Form des
Schulgebäudes.
Für den Infografiker gelten die Prinzipien des traditionellen
Journalismus. Korrekte Grafiken erfordern eine solide Recherche,
Quellen müssen der Überprüfung standhalten.



Text: Detlev Scheerbarth,
Fotos: Sebastian Gabsch (9), J. Schwochow (Beslan)

Die Society for News Design dankt der Märkischen Verlags- und
Druckgesellschaft für die großzügige finanzielle und logistische
Unterstützung der Veranstaltung.