Bericht vom SND/DACH-Stammtisch am 27.04.2016

Ein Bühnenbildner macht Bühnenbilder

Jeder weiß, was ein Bühnenbildner macht, jedenfalls so ungefähr. Doch Roy Spahn ist kein Tischler, wie einige denken. Ihm ist bewusst, dass viele eine unklare Vorstellung von seinem Beruf haben, aber dies wird sich heute für die Anwesenden ändern. Er erklärt seine Aufgaben bei der Konzeption und Erstellung eines Bühnenbildes. Er demonstriert eindrucksvoll, dass er ein Künstler ist, der Menschen mit Bildern fesseln, mitnehmen und eben nicht verlieren möchte im Verlauf einer Vorstellung.

Seine Liebe zum Theater entdeckte er mit dreizehn Jahren. Anfangs spielte er mit Handpuppen in einer Schülergruppe, die sich mit den verschiedenen Aspekten einer professionellen Theateraufführung auseinandersetzte. Als er erste Schritte unternahm, sein Hobby zum Beruf zu machen, legte ihm sein Vater Steine in den Weg. Sein Sohn sollte einen Beruf mit mehr Perspektive erlernen. In der Tat ist der Weg zum Bühnenbildner steinig, nicht jeder ist dafür geschaffen und nur wenige kommen ans Ziel. Können und Glück sind notwendig. Roy Spahns Rezept für den Erfolg ist einfach und schwer zugleich, man muss Regisseure kennenlernen und sie dazu bringen, gern mit einem zusammenzuarbeiten. Hier liegt das Problem, nämlich in der Abhängigkeit des Bühnenbildners von einem guten Regisseur, denn der Bühnenbildner wird vom Regisseur engagiert. Dies macht den Einstieg nach dem Studium nicht einfach. Wer es geschafft hat, benötigt neben seinen künstlerischen Fähigkeiten auch psychologisches Geschick im Umgang mit dem Regisseur, den Sängern und vor allem dem Dirigenten. Denn im Theater herrscht noch eine ausgeprägte Hierarchie, bei der der Dirigent (bzw. Kapellmeister) das letzte Wort hat. Obwohl der Bühnenbildner nicht im Vordergrund steht, sind von seiner Seite aus viel Kampf und Durchsetzungsvermögen, aber auch Kompromissbereitschaft notwendig, um eine Aufführung gelingen zu lassen.

 

 

Musiktheater – die Königsdisziplin für Bühnenbildner

Roy Spahn arbeitet hauptsächlich in dieser Disziplin, denn hier ist das Bühnenbild von besonderer Bedeutung. Er nimmt uns mit in seine Arbeit. Es beginnt mit dem Zusammentreffen von Regisseur und Bühnenbildner. Beide haben das Libretto gelesen, möglichst auch die Partitur. Es folgt ein Austausch der Gefühlseindrücke, ein kleines Modell wird gebaut, als Diskussionsgrundlage. Später wird das Modell der Intendanz erklärt. Die wiederum hat ihr Publikum im Blick und betrachtet den Vorschlag nicht unbedingt aus einem künstlerischen Blickwinkel. Weitere Hürden sind die Abnahme durch die Werkstätten (Schlosser, Tischler, Bühnenmaler, Kascheure) und das Finden technischer Lösungen zur Umsetzung des Entwurfs. Kosten und Aufbauzeiten müssen beachtet werden. Auch eine Abnahme von Seiten der Feuerwehr ist vorgeschrieben. Jede Hürde kann dazu führen, noch mal von vorne anfangen zu müssen. Und auch während des Probenprozesses können sich notwendige Veränderungen für das Bühnenbild ergeben. Das fertige Bild wird vom Beleuchtungsmeister mit Licht ausgearbeitet. Damit Licht und Musik harmonieren und zur richtigen Zeit aufeinandertreffen, bekommen die durch Licht erzeugten Stimmungen verschiedene Nummern. Manche Theater haben eine Inspizientin, welche überprüft, ob die richtige Stimmung zur rechten Zeit erzeugt wird. Und dann ist da noch der Dramaturg, der professionell die Wirkung beurteilen soll, aber oft erst zu spät ins Stück einsteigt und lästige Fragen stellt.

 

Das Bühnenbild für "Der Spieler" von Prokofiev an der Wiener Staatsoper

Wenn Roy Spahn von den Arbeiten am Bühnenbild zu dem Stück "Der Spieler" von Prokofiev spricht, fällt von Anfang an und immer wieder der Name Karoline Gruber. Sie ist die Regisseurin, mit der er seit Jahren gut und gern zusammenarbeitet und mit der er zusammen eine eigene Sprache entwickelt hat. Das Stück handelt von den Verstrickungen und dem Gefangensein seiner Charaktere in Spielsucht, Drogen und Verlustängsten. Das Bühnenbild stellt analog zu dieser Handlung Stück für Stück einen Jahrmarkt der Eitelkeiten und Ängste zusammen. Der Roulett-Tisch, der eine zentrale Rolle in dem Stück spielt, wird in Roy Spahns Bild zum Karussell. Der Zuschauer muss sich darauf einlassen, die Symbolik in den Bildern zu verstehen.

Da die Oper in russischer Sprache aufgeführt wird, dient das Bühnenbild stärker als beim Schauspiel zusätzlich als Transportmittel für die Botschaft des Stückes. Der Zuschauer, der die Sprache nicht versteht, kann nur sehen und lesen. Die Gleichartigkeit der Musik in diesem Stück kommt erschwerend dazu. Roy Spahn versucht sie durch spannende Bilder aufzuheben, den Zuschauer bei der Wahrnehmung des Stückes zu unterstützen. Ein gutes Bühnenbild stellt sich allmählich zusammen, zeigt nicht zu viel auf einmal, überfordert den Zuschauer nicht. Langweilt ihn aber auch nicht, verliert ihn nicht an die Musik, die er mit geschlossenen Augen genießt oder an den Übersetzungsmonitor im Vordersitz.

Der Gastgeber Raimar Heber hat natürlich noch ein paar Fragen. Er fragt nach der Ideenfindung. Die Antwort macht deutlich, wie sehr der Bühnenbildner auf sich gestellt ist. 90% der Ideen entwickelt er allein, so Roy Spahn. Raimar Heber interessieren Trends, doch Roy Spahn muss erst überlegen. Trends sind ihm nicht so bewusst. Ja, Ende der 80er waren alle Bühnen schräg und beim Schauspiel setzt man heute auf pur, wenig und sinnlich. Man erkennt die Trends meist erst im Nachhinein und sie können auch nicht so stark ausgeprägt sein, da jeder Künstler einzigartig sein und bleiben muss und möchte. Ein Plagiat will sich niemand vorwerfen lassen. Auch wie das so ist mit der Erfolgskontrolle möchte der Gastgeber wissen. Das Eruieren der Gedankengänge der Zuschauer erscheint den einen eher abwegig, die anderen halten geeignete Methoden hierfür für durchaus praktikabel und notwendig. Roy Spahn erlebt immer wieder, was er auch gern erleben möchte, nämlich, dass das Publikum ihm in seinen Bildern folgt, positiv gefangen ist und die Bilder versteht. Er und Karoline Gruber arbeiten fürs Publikum, ihm ist wichtig, das die Leute kommen. "Ausverkauft" bedeutet ihm mehr als gute Kritiken. Er möchte, dass das Publikum seine Bilder sprechen hört. Er möchte den Zuschauer erreichen und wenn er es geschafft hat, kann er diese Spannung spüren.

Claudia Heise